Adventskalender Türchen 24: Die Fähigkeit mit dem Herzen zu sehen - oder: riskieren Sie öfter einen zweiten Blick

Mit dem Herzen sehen - manchmal erkennt man die Wahrheit erst beim zweiten Blick

 

Lange habe ich überlegt, welches Zitat ich als Letztes in den Adventskalender einstelle. Welches Zitat am besten zu Weihnachten passt und auch den Geist von Weihnachten widerspiegelt. Ich habe eines DER berühmtesten Zitate gewählt. Aus einem DER Bücher. Ein Buch, das so häufig als Kinderbuch missverstanden wird, dessen Tragweite wir aber erst als Erwachsene, und dann oft erst durch mehrmaliges Lesen und Nachdenken darüber begreifen: Der Kleine Prinz.

 

Wenn Sie einmal ganz ehrlich zu sich selbst sind, beurteilen auch Sie Menschen und Situationen häufig auf den ersten Blick, ganz im Vorbeigehen. Sie erhaschen einen kurzen Blick und ohne weitere Informationen darüber zu haben steht das Urteil schon fest. Weil ein Mensch zerrissene Kleidung trägt ist er ein „Penner“. Weil er im Müllkorb nach weggeworfenen Flaschen sucht ist er ein Alkoholiker. Weil eine Frau einen Doppelnamen trägt ist sie eine Emanze. Weil sie in der Firma Erfolg hat, hat sie sich hochgeschlafen. Weil das Kind beim Einkaufen brüllt wie am Spieß hat die Mutter etwas falsch gemacht. Weil der Preis im Vergleich zu anderen Produkten deutlich günstiger ist, kann es ja nur Müll sein. Ach ich könnte stundenlang fortfahren, Vorurteile aus dem Alltag aufzuzählen. Alles Urteile, die gefällt werden auf Grund dessen, was unsere Augen sehen und unser Verstand dann in bekannte Kategorien einordnet.

 

Gerade jetzt in der Weihnachtszeit wäre es so wunderschön, wenn mehr Menschen ihre Herzen öffnen würden und dadurch auch das WESENTLICHE erkennen würden. Wenn sie sich berühren lassen würden. Wenn sie beginnen würden zu spüren. Hinzuhören. Zu hinterfragen. Großherzig zu sein. Der Mensch, der zerrissene Kleidung trägt oder der, der im Mülleimer kramt, hat vielleicht eine Geschichte, die wir kennen müssen, um uns ein Urteil über ihn zu bilden. Ich kenne eine solche Geschichte in echt: ein Mann, damals 43 Jahre alt, kam zu mir in die Praxis: erster Eindruck: ungepflegt, uralte Kleidung, riecht nach Alkohol. Irgend etwas in seinen Augen hat mich dazu bewogen, ihn herein zu bitten und zu beginnen mit ihm zu sprechen. Er berichtete über seinen dreijährigen Sohn. Er sei schon mit einem Herzfehler auf die Welt gekommen. Die erste Operation musste er als zwei Wochen alter Säugling überstehen. Immer war er kränklich, nie war klar, ob er überlebt. Die Familie investierte sehr viel Geld, mehr als sie sich leisten konnte, um die bestmögliche Behandlung für das Kind sicher zu stellen. Hohe Schulden waren ohnehin vorhanden. Kurz nach dem dritten Geburtstag verstarb sein Sohn. Die Trauer entzweite ihn und seine Frau, weil beide eine ganz unterschiedliche Art hatten zu trauern. Die Schuldenlast erdrückte ihn als Alleinverdiener. Dann kam auch noch die Nachricht, dass er durch die Schließung der Fabrik, in der er arbeitete, seinen Arbeitsplatz verlieren wird. Er lebte mittlerweile getrennt von seiner Frau. Er begann zu trinken. Nachdem er innerhalb von einem halben Jahr immer weiter abgerutscht war, beschloss er, etwas zu unternehmen. Da hatte er gerade die Wohnung wegen Eigenbedarf gekündigt bekommen. So kam er aus Verzweiflung zu mir. Hätten Sie das gedacht, wenn Sie ihn auf den ersten Blick beurteilt hätten?

 

Es geht mir nicht darum, dass es zu jedem Menschen eine anrührende Geschichte gibt. Es geht mir darum, dass wir üben, viel häufiger auf unser Herz zu hören, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen. Dass wir zuerst Informationen sammeln bevor wir beurteilen. Dass wir mit offenen Sinnen durch die Welt gehen. Dass wir aufhören, uns selbst als Nabel der Welt zu sehen. Dass wir aufhören, zu beurteilen, was normal und was unnormal ist.

 

Während meiner Arbeit im Kinderheim konnte ich erfahren, was es heißt, mit dem Herzen zu sehen. Nöte zu sehen, Ängste zu erkennen, Bedarf zu erleben. Und das obwohl und gerade weil ein Kind schreit, um sich tritt, mit den schlimmsten Schimpfwörtern um sich wirft. Ich konnte erkennen, wie hilfreich es oft ist, Zeit zu schenken. Wie nötig es ist, Vertrauen herzustellen. Wie dringend eine Gutenachtgeschichte gebraucht werden kann. Welch Strahlen es erzeugen kann, ein Kind zu loben. Welch unglaubliche Wirkung Kleinigkeiten doch oft haben, wenn sie von Herzen kommen und auch im Herzen des Anderen ankommen.

 

Seien Sie großzügig, lassen Sie sich berühren von Menschen und deren Geschichte, nicht nur in der Weihnachtszeit.

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihren Familien von Herzen frohe Weihnachten. Wenn Sie morgen an dieser Stelle noch einmal hereinschauen, gibt es noch eine kleine Überraschung als Zugabe.

 

Viel Erfolg und Freude dabei, mit dem Herzen zu sehen,

 

Ihre Julia Georgi

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Blöchinger Rosi (Montag, 26 Dezember 2016 23:00)

    Dieses Zitat begleitet mich schon lange in meinem Leben, es ist auch eine tolle Lebenseinstellung die sich jeder im wahrsten Sinne zu Herzen nehmen sollte. Danke Julia, nochmals für die Begleitung in der Adventzeit 2016. Täglich eine Bereicherung, ein Geschenk zugleich. Viele Grüße

  • #2

    Julia Georgi Die Hypnose Praxis (Dienstag, 27 Dezember 2016 09:55)

    @Blöchinger Rosi: Gern geschehen.